Orthopädie & Unfallchirurgie
Rückenbeschwerden, lumbale: Diagnose
Lumbago
Definition
Kreuzschmerz ohne Irritation der Ischiaswurzeln. Bei Ischiasbeteiligung: siehe Ischialgie
Ätiologie
Grundsätzlich ist auch bei der Lumbago die gesamte Ätiologie der Rückenschmerzen (siehe Rückenbeschwerden, Grundlagen) zu diskutieren, insbesondere
- Syndrom des engen Spinalkanals
- Spondylitis (siehe auch Wirbelsäuleninfektionen)
- Spondylitis ankylosans (siehe Spondylitis ankylosans)
- Spondylolisthesis
- Destruierende (vor allem metastasierende) Tumoren (siehe Malignome)
- Spontanverformung bei Osteoporose und Osteomalazie (siehe Osteoporose)
- Osteoarthrosis interspinalis (M. Baastrup)
- Spondylarthropathie bei Haemodialysepatienten durch Amyloidablagerung
- Häufig auch Erklärung auf urologischem bzw. gynäkologischem Gebiet
Deshalb bei anhaltenden Kreuzschmerzen
- Wiederholte klinische Untersuchung (Druckschmerz, Stauchschmerz)
- Röntgenuntersuchung (Wirbelsäule in 2 Ebenen, Becken)
- Blutbild und BSG
- Neurologische Untersuchung (Femoralisirritation!)
- Urologische und gynäkologische Untersuchung
Praktisch überwiegen die orthopädischen und harmlosen Kreuzschmerzen im Sinne der akuten und chronischen Lumbago eindeutig
Akute Lumbago (Synonym: "Hexenschuss")
Partielle Einklemmung der radikulären Nerven durch prolabierte Anteile des Nucleus pulposus, Blockierungen in den Wirbelgelenken oder Zerrung der Rückenmuskulatur, bei plötzlicher körperlicher Überbeanspruchung oder abrupter Bewegung
Bandscheibenvorfall (Synonyme: Bandscheibenprolaps, Diskusprolaps, Diskushernie)
Definition
Verlagerung bzw. Austritt von Gewebe des Nucleus pulposus der Bandscheibe durch Risse im Anulus fibrosus; partielle Einklemmung der radikulären Nerven durch prolabierte Anteile des Nucleus pulposus
Schweregrade:
- Protrusion mit Vorwölbung des Anulus fibrosus
- Prolaps in die Foramina vertebralia (Zwischenwirbellöcher) bzw. (seltener) in den Spinalkanal nach Perforation des Ligamentum longitudinale posterior
- Sequestration; die prolabierten Anteile (Sequester) haben keine Verbindung mit der Bandscheibe
Lokalisation:
- HWS-Prolaps (Zervikobrachialsyndrom)
- BWS-Prolaps
- LWS-Prolaps, LWS-Protrusio (Ischiassyndrom, Lumboischialgie, Kaudasyndrom)
Symptome
- Allgemeine Symptome sind Schmerzen und Sensibilitätsstörungen in dem betroffenen Dermatom,
- Abschwächung der Reflexe,
- evtl. Lähmungen und Atrophie der Kennmuskeln sowie
- Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäule und schmerzbedingte Schonhaltung (Ausweichskoliose, Schmerzskoliose)
Diagnostik
Anamnese
- Trauma (z. B. Schleudertrauma der HWS)
- Degenerative Wirbelsäulenveränderung
- Oft häufige Lumbalgien ("Hexenschüsse") in der Vorgeschichte
- Auslösend können Überlastungen, Hebetraumen, evtl. kombiniert mit Kälteexposition, Klimawechsel, aber auch Bagatelltraumen (Fehlbewegungen) etc. sein
- Schmerzzunahme beim Niesen und Bauchpressen
- meist aber nicht immer Erleichterung beim Liegen in bestimmten schmerzerleichternden Positionen (bei der therapeutischen Lagerung genutzt)
Röntgen
MR oder CT
- Prolaps, Degeneration, Einengung des Plexus?
Differentialdiagnose
Zu Zervikobrachialsyndrom
- Karpaltunnelsyndrom
- Pancoast-Tumor
- akuter Schiefhals (Torticollis)
Zu BWS-Prolaps
- Myokardinfarkt
- Perikarditis
- Aneurysma dissecans der Aorta
- Lungenembolie
- Pleuritis
- Zwerchfellreizung
- psychische Ursache
- beginnender Zoster thorakalis
- Interkostalneuralgie
Zu LWS-Prolaps
- Lumbago
- Pseudoischialgie
- Coxarthrose, Coxitis
- rheumatische Erkrankungen
- Nierenkoliken
- periphere Nervenschädigung
Komplikationen
- Irreversible Druckschädigung von Nervenwurzeln
- Querschnittläsion

Chronisch rezidivierende Kreuzschmerzen
Ursachen
</b>Ermüdungsschmerz
Überforderung der Rückenmuskulatur durch äußere Faktoren (Schwerarbeit, Zwangshaltung) oder innere Faktoren (abnorme Beweglichkeit im Zwischenwirbelsegment bei zunehmendem Turgorverlust der Bandscheibe: Chondrose) führen zur schmerzhaften Verspannung der Rückenmuskulatur.
Organschmerz der Wirbelsäule
Durch Reizung der Nervenenden in Bändern und Gelenkkapseln wird (bei degenerativen, traumatischen und entzündlichen Affektionen und Blockierungen) vor allem über den Nervus sinu-vertebralis, der das hintere Längsband versorgt, eine Reflexkontraktur der autochthonen Rückenmuskulatur hervorgerufen.
Diagnostik
- Labor: negativ
- Röntgen: Übersichtsaufnahmen LWS; evtl. Schrägaufnahmen (Spondylolyse)
- CT, MRI: Bei länger dauernden Beschwerden, beginnender radikulärer Symptomatik
- Szintigramm: bei Verdacht auf entzündlichen oder metastatischen Prozess
Claudicatio spinalis (Syndrom des engen Spinalkanals)
Definition
Lumeneinengung des Spinalkanals und Bedrängung neuraler Strukturen durch Osteophyten an den kleinen Wirbelgelenken und durch Verdickung der Ligg. flava
Lokalisation
- HWS (Ausstrahlung in die oberen Extremitäten)
- LWS (L 3/4, L 4/5)
Symptome
- Lumbosakrale haltungsabhängige Schmerzen (auch Schwächegefühl)
- Ins Gesäß und in die Beine ausstrahlend
- Besserung bei Kyphosierung der LWS (Vorbeugen, Sitzen, Liegen)
Diagnostik
- Röntgenübersichtsbilder: Degenerationen, Ausschluss anderer Raumforderungen
- CT, MRI: gute Bestimmbarkeit der Spinalkanalweite
Coccygodynie (akuter Steißbeinschmerz) (selten)
Definition
Schmerzzustände in der Steißbeinregion unterschiedlicher Genese: Wurzelreizsyndrom, Traumafolge, projizierter Schmerz (z. B. Iliosakralblockierung)
Symptome
- Schmerzen meist an die Steißbeinspitze lokalisiert (meist bei Frauen)
Diagnostik
- Klinische Untersuchung rektal, LWS, Iliosakralfugen, Hüftgelenke
- Labor: meist unauffällig
- Röntgen: Steißbein in 2 Ebenen zeigt u. a. Frakturfolgen, selten spinale Tumoren oder Filia, Infektionen; evtl. Schichtaufnahmen
- Szintigramm: bei hartnäckigen Beschwerden
Ischialgie
Definition
- Schmerzausstrahlung im Versorgungsgebiet des Ischiasnervs
Häufigste Lokalisation
- Wurzelreizsyndrom L 5
- Wurzelreizsyndrom S 1
- Periphere Neuralgie: keine Lumbago, Ausbreitung distal der Irritationsstelle
Ursachen
- Meist Diskushernie, bei vorbestehendem Bandscheibenschaden plötzlich auftretend. Anfangs diskreter Röntgenbefund (Zwischenwirbelraumverschmälerung, Zwangshaltung)
- Entzündliche und destruierende Wirbelkörperveränderungen: Spondylitis, Wirbelmetastasen
- Neuritis
- Rückenmarktumoren, Varicosis spinalis
- Bei Kaudasymptomatik (Reithosenanästhesie, Blasen- und Mastdarmstörungen): Spinaler Prozess? Medialer Bandscheibenvorfall? Sofortige stationäre Abklärung erforderlich
Symptome
Schmerzcharakter
- Plötzlich nach einer Anstrengung einsetzend;
- langsam fortschreitend nach vorhergehenden Kreuzschmerzen
Verstärkung des Schmerzes durch
- Hüftbeugung des im Knie gestreckten Beines (Lasègue'sches Zeichen)
- Zusätzlich Dorsalflexion des Fußes (Bragard'sches Zeichen)
- Verstärkte HWS-Flexion (Kernig-Zeichen)
- Überstreckung des Hüftgelenkes (Wassermann'sches Zeichen)
- Druck auf den Zwischenwirbelraum unterhalb L 5 bzw. S 1
Symptome bei Bandscheibenprolaps
- Typische Schmerzausbreitung
- Sensibilitätsstörungen im gleichen Dermatom
- Zugeordnete motorische Ausfälle erfordern dringende (operative) Behandlung!
Diagnostik
- Anamnese (Trauma, Rezidive, Blasen- und Mastdarmstörung)
- Exakte klinische Untersuchung (radikuläre oder pseudoradikuläre Symptomatik, Polyneuropathie)
- Röntgen: Übersichtsaufnahmen in 2 Ebenen, bei Verdacht auf Spondylolisthese 45° LWS-Schrägaufnahmen oder
- Computer-Tomographie, meist L 4 bis S 1, in der Regel ausreichende Aussagekraft, geringe Strahlenbelastung, schwierige Diagnose bei Verdacht auf Rezidivprolaps. DD: Narbenbildung
- EMG (erst nach 14 Tagen Latenz positiv)
- NMR (bei Unklarheit der betroffenen Wurzel- oder intraspinalen Prozesse)
- Myelographie (für dynamische Untersuchung bei unklaren Stenosen)
- Szintigramm (bei Verdacht auf entzündlichen oder metastatischen Prozess)







